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Schottergärten - Ungestört-nisten.de

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::"Schottergärten"

Ein Material, zwei Gesichter: Kaum ein Gestaltungselement im urbanen Vorgarten polarisiert so stark wie die Schotterfläche. Für die einen ist sie der Inbegriff des pflegeleichten, modernen Grundstücks, für Ökologen hingegen eine der problematischsten Formen privater Flächengestaltung überhaupt. Die eigentliche Ironie liegt jedoch in der Betrachtung, die selten thematisiert wird: Schotter ist von Natur aus kein lebensfeindliches Material. Nährstoffarme, grobkörnige Substrate zählen sogar zu den seltensten und wertvollsten Standorttypen Mitteleuropas, wenn man sie richtig einsetzt. Das Problem liegt nicht im Rohstoff, sondern in seiner Fehlanwendung.

"Schottergärten": Die Illusion der Pflegeleichtigkeit und ihr ungenutztes Potenzial


Warum Menschen Schotterflächen anlegen

Die Motivation hinter der Anlage ist meist eindeutig: Zeitersparnis. Klassische Vorgartenbepflanzungen erfordern Gießen, Schneiden und regelmäßiges Entfernen unerwünschten Bewuchses, während Kies- und Splittflächen als vermeintlich wartungsfreie Alternative gelten. Hinzu kommen ästhetische Vorlieben für ein minimalistisches, aufgeräumtes Erscheinungsbild sowie ein Trendeffekt über Nachbarschaft , Gartencenter Sortimente und soziale Medien. Die Kostenkalkulation bezieht sich dabei fast immer nur auf die Anlage, nicht auf die tatsächliche Folgepflege über die gesamte Nutzungsdauer.

Bauliche Umsetzung

Der typische Aufbau folgt einem mehrschichtigen Prinzip: Der gewachsene Boden wird abgetragen, darauf eine Trennschicht verlegt, entweder ein wasserdurchlässiges Unkrautvlies oder eine vollständig wasserundurchlässige Kunststoffplane aus PVC. Darüber liegt eine Schicht aus Splitt, Kies oder Schotter unterschiedlicher Körnung, ergänzt durch vereinzelte Steinelemente oder Findlinge als Gestaltungsakzente.

Der Unterschied zwischen beiden Trennschichten ist entscheidend für die spätere Umwandlung: Ein durchlässiges Vlies lässt Wasser und Luft grundsätzlich passieren, während eine geschlossene PVC-Folie, Beton oder Asphalt eine echte Vollversiegelung darstellen, mit entsprechenden Konsequenzen für Abwassergebühren und Genehmigungspflicht.

Die Pflege, die eigentlich keine sein sollte

Entgegen dem ursprünglichen Versprechen sind Schotterflächen keineswegs wartungsfrei. Sobald sich organisches Material in den Zwischenräumen ansammelt, siedeln sich Pioniervegetation und sogenannte „Unkräuter" an. Ihre Entfernung erfolgt typischerweise durch mehrere invasive Methoden:

  • Flächiger Einsatz von Herbiziden zur chemischen Vegetationskontrolle
  • Thermische Unkrautbekämpfung mittels Bunsenbrenner oder Heißlufgeräten
  • Einsatz von Laubbläsern und Hochdruckreinigern, was zusätzlich Energie verbraucht und Kleinlebewesen im Substrat schädigt
  • Manuelles Absammeln von Fremdbewuchs, oft mehrfach jährlich

Diese wiederkehrenden Eingriffe verursachen über die Nutzungsdauer teils höhere Kosten als eine bepflanzte Fläche und stehen im deutlichen Widerspruch zum Pflegeleicht-Versprechen.

Warum sich die Illusion trotzdem hält

Der zentrale Widerspruch liegt darin, dass sich die Wahrnehmung der Pflegeleichtigkeit als gesellschaflicher Trend verselbstständigt hat, obwohl sie empirisch nicht haltbar ist. Nach zwei bis fünf Jahren zeigen Algenbewuchs, Verschmutzung und Bewuchs mit anspruchslosen Arten deutliche Verfallserscheinungen, die einen erneuten, oft aufwendigeren Pflegeaufwand erfordern. Der Trend verbreitet sich dennoch weiter, unabhängig von der tatsächlichen Funktionalität.

Rechtlich hat sich die Lage entsprechend verschärft : Reine Steinflächen ohne ausreichende Bepflanzung gelten in den meisten Landesbauordnungen bereits als unzulässig. Mehrere Bundesländer haben explizite Verbote erlassen, in anderen Ländern regeln Kommunen die Zulässigkeit über Bebauungspläne.

Die eigentliche Ironie: Ein wertvoller Rohstoff, falsch eingesetzt

Hier liegt die interessanteste Wendung des Themas. Nährstoffarme, wasserdurchlässige Substrate sind ökologisch keineswegs wertlos. Sie zählen zu den seltensten Standorttypen Mitteleuropas, weil konkurrenzstarke Nährstoffzeiger dort keinen Halt finden. Genau diese Konkurrenzarmut ist die Nische, auf die hochspezialisierte und bedrohte Pionierarten angewiesen sind.

Natürliche Vorbilder liefern Kiesgruben, aufgelassene Steinbrüche und verlassene Bahnschotterflächen, die als Sekundärlebensräume die durch Verbauung fast verschwundenen dynamischen Fluss und Auenlandschaften ersetzen:

  • Pionierpflanzen wie Rosmarin-Weidenröschen, Natternkopf oder der gefährdete Dreifinger-Steinbrech besiedeln ausschließlich offene, feine erde arme Rohböden
  • Kreuzkröte und Gelbbauchunke laichen in temporären Kleingewässern solcher Abbaustandorte
  • Flussregenpfeifer und Uferschwalbe benötigen genau jene vegetationsfreien Kies- und Steilwandstrukturen, die früher durch Hochwasserdynamik entstanden
  • Rund 80 Prozent aller Uhu-Brutpaare in Deutschland nisten inzwischen in Kiesgruben und Steinbrüchen, da natürliche Steilfelsen kaum noch verfügbar sind
  • Die hochgradig wärmeliebende Blauflügelige Sandschrecke ist auf offene, steinig-sandige Bereiche spezialisiert

Was unterscheidet nun eine solche wertvolle Schotterflur vom sterilen Vorgarten?

Nicht das Material, sondern vier Eigenschaften, die dem klassischen Schottergarten fehlen.

Erstens der Bodenkontakt: Eine geschlossene Folie kappt die Verbindung zum darunterliegenden Erdreich, die viele Spezialisten zum Überleben brauchen.

Zweitens die natürliche Störungsdynamik: In freier Natur werden Kies- und Schotterflächen ständig durch Wasser, Wind oder Abbautätigkeit neu geformt, während der Vorgarten als starre, unveränderliche Fläche angelegt wird.

Drittens der Verzicht auf Herbizide, die genau jene konkurrenzschwachen Spezialisten vernichten, bevor sie überhaupt Fuß fassen können.

Am Ende zählt jedoch vor allem der vierte, entscheidende Faktor: die bewusste Absicht, aus der Fläche tatsächlich einen Lebensraum machen zu wollen. Erst dieser Wille entscheidet darüber, ob aus derselben Materialkombination eine ökologische Wüste oder ein wertvoller Trittstein für die Artenvielfalt wird.

Zu dieser Zielsetzung gehört selbstverständlich auch das richtige Konzept bei der Pflanzenauswahl. Entscheidend ist, primär einheimische Arten zu verwenden, da nur diese über Jahrtausende gemeinsamer Entwicklungsgeschichte mit heimischen Insekten, Vögeln und anderen Tieren als Nahrungsgrundlage und Wirtspflanze fungieren.

Gartencenter und Baumärkte führen jedoch, wenn überhaupt, häufig nur ein sehr begrenztes Sortiment an tatsächlich einheimischen Pflanzen, sodass sich viele als Wildpflanze vermarktete Angebote bei genauerer Prüfung als gezüchtete Sorten oder gebietsfremde Verwandte entpuppen. Im Zweifel lohnt sich daher der Griff zum Smartphone: Bestimmungs-Apps wie NaturaDB erlauben eine schnelle Überprüfung direkt vor Ort im Gartencenter, ob eine Pflanze wirklich einheimisch ist.

Ebenso sollten grundsätzlich wilde Formen gegenüber gezüchteten Sorten bevorzugt werden. Sorten mit gefüllten Blüten sind dabei lediglich etwas für das Auge, für die Biodiversität jedoch weitgehend wertlos, da die zusätzlichen Blütenblätter meist aus umgewandelten Staubblättern entstehen und den Insekten damit sowohl Pollen als auch Nektarzugang verwehren.


Von der Schotterwüste zum Schottergarten


Vom Problem zur Lösung: Vier Entwicklungspfade

Der größte praktische Vorteil der Umwandlung liegt darin, dass das vorhandene Schottermaterial weiterverwendet werden kann, statt entsorgt zu werden. Damit entfällt der größte Kostenfaktor eines klassischen Rückbaus: die Entsorgung und Neubeschaffung von Substrat. Grober Schotter lässt sich zudem zu Steinhaufen oder Trockenmauern aufschichten, die selbst wertvolle Kleinstrukturen für Eidechsen, Wildbienen und Laufkäfer bilden.

Grundsätzliches Vorgehen

1. Die Trennschicht prüfen: Ein durchlässiges Vlies kann im Zweifel liegen bleiben, da es Wasser und Luft grundsätzlich passieren lässt. Eine wasserdichte PVC-Folie sollte dagegen entfernt oder zumindest mehrfach eingerissen beziehungsweise durchlöchert werden, damit Wasser und Luft wieder in den Unterboden gelangen.

2. Groben Schotter zu Steinhügeln aufschichten, feineren Splitt auf der Fläche belassen. Dabei lassen sich größere Strukturelemente wie Findlinge, Baumstämme oder dickere Äste bereits in diesem Arbeitsschritt einplanen und platzieren. Solche größeren Elemente wirken zusätzlich als Feuchtigkeitsspeicher, da sich in ihrem Schatten und an ihrer Unterseite dauerhaft ein kühleres, feuchteres Mikroklima hält. Darunter entsteht mit der Zeit ein eigener kleiner Mikrokosmos, in dem sich Asseln, Käfer und andere Bodenlebewesen ansiedeln.

3. Lücken gezielt mit Sand oder Kiessand auffüllen: Je nach gewähltem Pflanzkonzept können etwa 50 Liter ungewaschener Sand oder Kiessand pro Quadratmeter eingearbeitet werden. Für reine Mager- und Steppenstandorte ist dieser Schritt sinnvoll, bei anderen Zielbiotopen kann er entfallen.

4. Nährstoffe nur dort ergänzen, wo sie benötigt werden: Bei nährstoffbedürftigeren Zielbiotopen wie dem Waldgarten mit Feuchtzonen können wildkrautfreier Kompost oder Erde eingearbeitet werden, etwa 20 Liter pro Quadratmeter. Für Alpinum, Magerbeet oder Sedumgarten sollte hingegen bewusst auf Kompost verzichtet werden, da überschüssige Nährstoffe genau jene konkurrenzschwachen Spezialisten verdrängen würden, auf deren magere Standortbedingungen diese Zielbiotope ausgelegt sind. Partiell lässt sich zusätzlich Lehmboden einarbeiten, der auch als Pulver im Handel erhältlich ist. Lehm dient vielen Wildbienenarten als Baumaterial für ihre Nistgänge und wirkt bei Regen zusätzlich wasserspeichernd.

5. Einheimische Wildpflanzen einsetzen: Die Pflanzung richtet sich nach dem gewählten Zielbiotop und sollte ausschließlich mit einheimischen Wildformen erfolgen. Eine direkte Ansaat gestaltet sich auf diesen mageren, unruhigen Standorten meist schwierig. Besser geeignet sind vorgezogene Stauden aus der Gärtnerei oder selbst auf der Fensterbank vorgezogene Jungpflanzen, etwa der Kleinen Glockenblume, die anschließend ausgepflanzt werden. Danach die Fläche punktuell etwa drei Monate feucht halten, bis sich die Wurzeln etabliert haben.

Die Umgestaltung sollte weniger als reine Kostenfrage denn als Investition in die Zukunft verstanden werden, sowohl für die Biodiversität als auch für die eigene Immobilie. Da Schotter und Kies weiterverwendet werden und ein vorhandenes Vlies oft gar nicht entfernt werden muss, hält sich der unmittelbare Materialaufwand ohnehin in Grenzen.

Der eigentliche Mehrwert zeigt sich jedoch langfristig: Ein lebendiger Vorgarten mit summenden Wildbienen, moosbewachsenen Strukturen, blühenden Stauden und ansprechenden Gestaltungselementen wirkt nicht nur ökologisch wertvoll, sondern kann auf Dauer durchaus auch eine Wertsteigerung der eigenen Immobilie bedeuten, da naturnah gestaltete Außenanlagen zunehmend als Qualitätsmerkmal wahrgenommen werden.


Die Wahl richtet sich unmittelbar nach den vorhandenen Standortbedingungen: Schattige, feuchtere Lagen mit Baumbestand eignen sich für den Waldgarten, sonnenexponierte Flächen mit Gefälle für das Alpinum, ebene, vollsonnige Restflächen für Magerbeet oder Sedumgarten.

Der ökologische Mehrwert ist dabei gut belegt: Vergleichsstudien zu Dachbegrünungen zeigen, dass bereits einfache Sedum-Kräuter-Gesellschaften gegenüber vegetationsfreien Kiesflächen einen deutlichen Artenzuwachs bringen. Strukturreichere Varianten mit variierender Substrathöhe bieten sogar deutlich mehr Pflanzenarten als eine einfache Begrünung.

Ergänzende Strukturelemente

Drei zusätzliche Elemente lassen sich in jeden der vier Entwicklungspfade integrieren und steigern den ökologischen Wert der Fläche mit minimalem Aufwand. Sie folgen demselben Grundgedanken: Gärten als Miniatur-Oasen mit vielfältigen Strukturen zu denken, in denen Totholzhaufen Unterschlupf bieten, Moose ein Mikroklima schaffen und kleine Teiche als Tränke und Laichgewässer dienen.

Frühjahrsgeophyten als punktuelle Blühzonen

Heimische Zwiebel- und Knollenpflanzen gedeihen exakt in den nährstoffarmen, durchlässigen Bedingungen, die auf einer ehemaligen Schotterfläche bereits vorherrschen. Die Weinbergtulpe ist die einzige in Deutschland wild vorkommende Tulpenart, ergänzt durch Kleine und Große Traubenhyazinthe sowie den Frühlings-Krokus. Sie blühen früh im Jahr und liefern eine der ersten Nahrungsquellen für Hummeln, wenn das übrige Blühangebot noch fehlt.

Der praktische Vorteil liegt in der punktuellen Umsetzbarkeit: Statt die gesamte Fläche umzugestalten, reicht es, einzelne Bereiche gezielt zu modifizieren, indem lokal etwas Sand, feiner Kies oder eine geringe Menge Erde eingearbeitet wird, um ein lockeres Pflanzsubstrat zu schaffen. September und Oktober sind die richtige Pflanzzeit. Diese Vorgehensweise lässt sich mit jedem der vier Zielbiotope kombinieren und verlängert das Nahrungsangebot über das Jahr.

Totholz und Äste als Strukturelement

Totholz zählt zu den unterschätzten, gleichzeitig wirkungsvollsten Aufwertungsmaßnahmen. Über tausend Insektenarten in Deutschland sind ganz oder teilweise auf Totholz angewiesen. Ein einzelner, dickerer Ast oder ein moosbewachsener Stammabschnitt vereint mehrere ökologische Funktionen:

  • Wildbienen und Käfer nutzen Fraßgänge und Hohlräume im Holz als Nistplatz.
  • Moose, Flechten, Pilze und Algen besiedeln die Oberfläche und schaffen eigene Mikrohabitate für Asseln, Schnecken und Käfer.
  • Igel, Erdkröten, Blindschleichen und Waldeidechsen finden in liegenden Stämmen Unterschlupf und Überwinterungsquartiere.
  • Ein sonnenbeschienener Stamm zieht mit der Zeit holzbewohnende Insekten wie die Blauschwarze Holzbiene an.
  • Je dicker das Totholz, desto wertvoller der Lebensraum. Stämme mit über 30 Zentimeter Durchmesser bieten besonders effektive, langfristige Rückzugsorte. Sowohl liegende als auch aufrecht stehende Anordnungen sind sinnvoll. Eine Totholzsäule aus einem aufrecht in die Erde gesetzten Stammabschnitt ist bei Wildbienen und Käfern beliebt und setzt zugleich einen gestalterischen Akzent.

Mikroteiche als Wasserelement

Ein Mikroteich benötigt keine grundlegende Umgestaltung der gesamten Fläche, sondern lässt sich als punktuelles Element einsetzen. Bereits ein einzelnes kleines wasserdichtes Gefäß  reicht aus, um Säugern, Insekten, Amphibien und Vögeln eine Tränke zu bieten.

1. Standort wählen: Der Standort sollte im Tagesverlauf sowohl Sonne als auch Schatten erhalten, damit sich das Wasser nicht zu stark erwärmt. Alternativ lässt sich der Teich auch gezielt durch Bepflanzung oder Strukturelemente beschatten.

2. Wasserdichtes Gefäß einsetzen: Geeignet sind etwa ein Mörtelkübel oder Pflanzenschalen aus witterungsfestem Kunststoff. Das Gefäß kann auch vollständig ebenerdig eingegraben werden, sodass der Rand auf Bodenhöhe abschließt und Kleintieren der Zugang erleichtert wird. Im Inneren mehrere Ebenen aus rundem Kies schaffen, auf denen auch Vögel baden können. Scharfkantige Steine sollten vermieden werden. Alternativ lassen sich bereits vorhandene, flache Kiesmulden direkt als Teich gestalten. Hier kommt dann lokal eine Teichfolie zum Einsatz, die unter der Kiesschicht in die Mulde eingepasst wird.

3. Pflanzen ohne zusätzliche Erdschicht einsetzen: Ein zusätzlicher Bodeneintrag ist für die Bepflanzung nicht nötig, da die eingesetzten Pflanzen mit der Zeit ein Wurzelgeflecht bilden, das den Grund von selbst abdeckt. Unterwasserpflanzen lassen sich mit Kabelbindern an Steinen fixieren und untergetaucht einsetzen. Pflanztöpfe empfehlen sich nur bei stark wuchernden Arten wie dem Kleinen Rohrkolben.

4. Ausstiegshilfe und Trinkstelle schaffen: Mindestens einen Ast so hineinlegen, dass er bis zum Rand hinausragt und als Ausstiegshilfe für Insekten und Kleintiere dient. Fixiert man den Ast zusätzlich mit Moos, hält die Kapillarwirkung das Moos dauerhaft feucht und macht es zu einer beliebten Trinkstelle für Insekten. Durch die fortlaufende Zersetzung von Holz und Moos werden dabei Mineralsalze und Aminosäuren freigesetzt und im feuchten Moos gelöst. Genau diese Stoffe suchen viele Schmetterlinge gezielt auf, da sie über dieses sogenannte Mineralstoffsaugen Natrium und andere Nährstoffe aufnehmen, die im Blütennektar kaum enthalten sind.

5. Unterschiedliche Wassertiefen schaffen: Mindestens eine Flachwasserzone und eine tiefere Wasserzone vorsehen. Eine flache Ebene aus rundem Kies ermöglicht es kleinen Tieren, das Wasser sicher zu erreichen. Sie dient zugleich Vögeln als Trink- und Bademöglichkeit. Wichtig ist, dass die Übergänge so gestaltet werden, dass hineingefallene Tiere wieder herausgelangen können.

6. Heimische Wasser- und Sumpfpflanzen einsetzen: Geeignet sind beispielsweise Kleiner Rohrkolben, Bach-Ehrenpreis, Pfennigkraut, Wasserfeder oder Blutweiderich. Je nach Art decken sie unterschiedliche Bereiche von der Unterwasserzone bis zum Ufer ab. Wasserpflanzen können überschüssige Nährstoffe aufnehmen und wirken so als natürlicher Filter welcher zudem das Algenwachstum begrenzt. Ein dauerhaft klares Wasser lässt sich dadurch allerdings nicht garantieren, da auch Sonneneinstrahlung, Nährstoffeintrag und Wasservolumen eine Rolle spielen.

7. Mit Leitungswasser befüllen: Leitungswasser ist für die Anlage eines solchen Mikroteichs in der Regel unproblematisch und liefert den Pflanzen zusätzlich Mineralien.

Damit wird das Konzept abgerundet: Ein Mikroteich ergänzt die Schotterfläche um ein wichtiges Element, das bisher fehlt: Wasser. Selbst auf kleinstem Raum entsteht so ein zusätzlicher Lebensraum, der Blühpflanzen, Totholz und Steinhaufen sinnvoll ergänzt und Tieren eine Trinkmöglichkeit bietet.

Der Übergang von flachem Kies zum offenen Wasser schafft unterschiedliche Lebensräume auf engstem Raum, wie sie auch in natürlichen Kiesgruben vorkommen. Davon können auch Amphibien profitieren. Spezialisierte Arten wie die Kreuzkröte benötigen allerdings geeignete, meist größere und fischfreie Laichgewässer sowie passende Rückzugsorte an Land.

::: Supermärkte als Lebensraum?

Von der Schotterwüste zum Lebensraum:

Viele große Supermarktketten bauen ihre Märkte nach Schema F. Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und ein einheitliches Erscheinungsbild stehen im Vordergrund. Photovoltaik auf den Dächern und Parkplätzen spielt mittlerweile eine wichtige Rolle und zeigt, dass Nachhaltigkeit zunehmend in die Planung einfließt. Doch Biodiversität ist als wichtigster Bestandteil echter Nachhaltigkeit bei vielen Unternehmen offenbar noch nicht angekommen.

Die Außenflächen folgen häufig noch alten Mustern: Schotter statt lebendiger Grünflächen, Kirschlorbeer und andere ökologisch wenig wertvolle Pflanzen statt heimischer Arten. Beete werden mit Mulch auf undurchlässigem PVC-Gewebe abgedeckt. Für die heimische Tierwelt bleibt dabei kaum Platz.

Das geschieht nicht unbedingt aus böser Absicht. Häufig fehlt schlicht das Wissen, wie sich Außenflächen naturnäher und gleichzeitig pflegeleicht gestalten lassen. Auch das Argument der Kosteneinsparung überzeugt nur bedingt. Denn Kirschlorbeer muss regelmäßig geschnitten, Mulch erneuert und Schotterflächen müssen von unerwünschtem Bewuchs befreit werden. Teilweise kommen dabei sogar chemische Mittel zum Einsatz.

Dabei geht es auch anders: Schon bei der Planung könnten mit vergleichsweise geringem Mehraufwand wertvolle Lebensräume entstehen. Heimische Bodendecker, robuste Stauden, Totholzhaufen und kleine Wasserstellen lassen sich gut integrieren. So finden Vögel, Insekten und andere Tiere Nahrung, Wasser und Unterschlupf. Mit einer durchdachten Pflanzenauswahl blüht es vom frühen Frühjahr bis in den Herbst. Hunderte Wildblumenzwiebeln könnten beispielsweise schon im März für erste Farbtupfer und Nahrung für frühe Bestäuber sorgen.

Und auch die Menschen profitieren davon. Wer möchte nicht lieber zwischen blühenden Pflanzen, duftenden Wildblumen und Schmetterlingen einkaufen als auf eine kahle Schotterfläche blicken? Ein ansprechend gestaltetes, lebendiges Umfeld kann den Aufenthalt angenehmer machen und die Aufenthaltsqualität steigern.

Es wäre deshalb an der Zeit, Nachhaltigkeit konsequent weiterzudenken: Photovoltaik auf dem Dach, erneuerbare Energie und gleichzeitig lebendige Lebensräume rund um den Markt. Denn ein Supermarktgelände muss nicht nur praktisch sein. Es kann zugleich ein wertvoller Trittstein für die Natur und ein sichtbares Zeichen dafür sein, dass Nachhaltigkeit weit über die Energieversorgung hinausgeht.

Tipp: Pflanzenkataloge bereits fest bei der Planung neuer Filialen integrieren
Oft übernimmt ein lokaler Landschaftsdienstleister die Pflege der Außenanlagen, der ebenfalls nach Schema F arbeitet und Biodiversität dabei kaum berücksichtigt. Ein standortgerechter Pflanzenkatalog mit heimischen Wildgehölzen, Wildstauden und Frühblühern kann klare Vorgaben schaffen und sicherstellen, dass die Förderung der Artenvielfalt von Anfang an Teil der Planung und späteren Pflege ist.
:: Vorher/Nachher

Ein neuer Lebensraum ist entstanden:

Die Kirschlorbeersträucher wurden entfernt und stattdessen wertvolle Strukturen wie Totholzhaufen aufgebaut. Außerdem gibt es nun eine Wasserquelle. Vögel, Igel und zahlreiche Insekten finden dort dauerhaft lebensnotwendiges Trinkwasser sowie eine sichere Bade- und Feuchtstelle.

Neben den neuen Strukturen sind einheimische Pflanzen auf die Fläche eingezogen. Die kletternde Clematis alpina sorgt für Sichtschutz und ihre vielen Blüten ziehen Hummeln und andere Bestäuber an. Farne, Moose, Sedumarten und alpine Bodendecker kommen mit Schotter als Grundmaterial gut zurecht und bieten vielen Tieren eine wichtige Nahrungsgrundlage.

Die frühere, vollständig geschlossene Einfriedung reichte bis auf den Boden und machte die Fläche für Igel und andere Kleinsäuger unzugänglich. Durch kleine Öffnungen von etwa zehn mal zehn Zentimetern wurde nun ein sicherer Zugang geschaffen, sodass Tiere wie der Igel den neuen Lebensraum nun problemlos erreichen können.

Der Entwurf orientiert sich teilweise an einem Waldgarten und kombiniert alpine Blüher und Sedumpflanzen zu einem vielfältigen Mosaik. Im Frühjahr blühen zahlreiche Wildkrokusse und Narzissen und bieten Mitarbeitern und Kunden der Filiale einen lebendigen, farbenfrohen Ausblick. Statt totem Schotter und Trostlosigkeit entsteht ein kleiner, aber wichtiger Lebensraum, der die lokale Biodiversität als Trittstein unterstützt.


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